Beruflich, Privat, Politisch – 9 Fragen an Jörg Nürnberger

Herr Nürnberger, wie haben Sie und Ihre Familie die Sommer-Lockerungen genutzt?

„Mich freut vor allem, dass es jetzt wieder viel einfacher ist, mit den Menschen in Kontakt zu treten. Da es im Wahlkampf viele sehr interessante Termine gibt, kommt ein längerer Urlaub heuer nicht in Frage. Ein langes Wochenende nehmen wir dann aber doch frei, um Energie zu tanken für den Wahlkampfendspurt. Unsere Kinder nutzen die Ferien für verschiedenste Aktivitäten, unter anderem auch für das deutsch-tschechische Ferienlager der Euregio Egrensis.“

Was sagt eigentlich Ihre Familie zu Ihrer Bundestagskandidatur?

„Meine Familie unterstützt meine Kandidatur. Auch wenn es zurzeit nicht ganz einfach ist, Beruf, Kandidatur, Ehrenämter und Familie unter einen Hut zu bringen, sind wir ein Team und verbringen immer so viel Zeit wie möglich gemeinsam.“

Sie reden oft darüber, dass sich Löhne und Arbeitsbedingungen in Hochfranken verbessern müssen. Welche Erlebnisse der Menschen vor Ort haben Sie dazu bewogen, sich dafür einzusetzen?

„Es sind die Gespräche mit den Menschen in vielen Wirtschaftszweigen, die sagen, dass der Anreiz der höheren Gehälter in den Ballungsräumen schon verlockend ist, sie aber wegen vielfältiger Bindungen lieber hier in unserer Region bleiben möchten. Es ist nur fair, dass wir auch in Hochfranken ein anständiges Lohnniveau für gute Arbeit verlangen. Dabei ist ein Mindestlohn von zwölf Euro die Stunde nur die unterste Grenze. Neben den Lohnbedingungen geht es auch um die Themen Tarifbindung, Leiharbeit und sachgrundlose Befristung. Hier kommen viele Menschen auch als Ratsuchende zu mir und schildern, wie vielfach wenig Rücksicht auf die Interessen der arbeitenden Menschen genommen wird. Das muss sich ändern. Wir sind gerade als SPD verpflichtet, diese berechtigten Interessen wirksam zu vertreten.“

Theresienstein Jörg Nürnberger
Im Hofer Theresienstein beim Dreh meines Imagefilms "Von Hochfranken nach Berlin". Im Film steht eines meiner zentralen Themen im Vordergrund. Es geht um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Löhne in Hochfranken.

Welche Kindheitserinnerungen kommen Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an Hochfranken denken?

„Im Winter die Schneewälle an den Straßen und Gehsteigen, die höher waren als man selbst. Und im Sommer die vielen Touren, die ich mit dem Fahrrad gemacht habe, lange bevor der Fahrradhype eingesetzt hat. Und eine Sache auch noch: die absolute Grenzlage. Im Norden war die undurchdringliche Grenze zur DDR und im Osten zur damaligen Tschechoslowakei. Ich bin sozusagen ein Kind des Kalten Kriegs.“

Lassen Sie uns eine kleine Reise in die Zukunft machen. Wie könnte Hochfranken in zehn Jahren aussehen, falls Sie Abgeordneter werden und Olaf Scholz als Kanzler regiert?

„Wir sind dabei, die Herausforderungen der Zeit zu meistern. Wir sind auf dem Weg, unser Leben klimaneutral zu gestalten, ein großes Stück vorangekommen, die Hauptbahnstrecken sind endlich elektrifiziert. Zwischen Hof und Bamberg fährt ein wasserstoffbetriebener Zug. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen haben sich deutlich verbessert. Die Gesundheits- und Pflegedienstleistungen sind hervorragend und bezahlbar. Am wichtigsten ist mir aber, dass die Menschen respektvoll miteinander umgehen, dass gesellschaftliche Spaltungen überwunden werden und Hochfranken am Ende noch ein Stück attraktiver und lebenswerter ist als die starke Mitte Europas an der Schnittstelle zwischen Deutschland und Tschechien.“

Stichwort Europa: Sie sprechen als Zweitsprache Tschechisch und in Ihren Reden kommen Sie selten ohne „Europa“ aus. Wie kam es dazu?

„Das hängt mit meiner Familiengeschichte zusammen. Eine Großtante, Jahrgang 1900 aus Tröstau, hat einen Sudetendeutschen geheiratet, lebte in Asch, wurde 1945 Witwe, flüchtete dann zurück ins Fichtelgebirge. Als ich Kind war, fuhren wir einmal im Jahr an die Grenze bei Selb, um ihr ehemaliges Haus in der Ortschaft Neuenbrand bei Asch hinter dem unüberwindlichen eisernen Vorhang aus der Ferne zu betrachten. Das hat schon früh das Interesse an dem unbekannten Land hinter der Grenze geweckt. Als ich 1988 nach dem Wehrdienst bei der Luftwaffe zu studieren begann, war die Grenze immer noch dicht, aber es gab in Bayreuth an der Uni Tschechisch-Kurse, die ich dann fünf Jahre lang neben dem Jurastudium besucht habe. Jetzt nutze ich diese Kenntnisse sowohl beruflich wie auch privat mit meiner Frau. Genau diese Grenzerfahrung im wahrsten Sinne des Wortes hat mich zu einem überzeugten Europäer werden lassen. Wer nicht will, dass neue Grenzen unser Leben einschränken – und Corona hat leider auch zu vorübergehenden Grenzschließungen geführt –, muss sich zwangsläufig für eine intensive europäische Zusammenarbeit einsetzen. Europa ist ein kleiner Kontinent und wir können auf globaler Ebene mit Russland, China, vielleicht künftig Indien, aber auch den USA nur mithalten, wenn wir gemeinsam handeln und für unsere Werte einstehen. Das ist ein wichtiger Eckpfeiler für eine gute Zukunft in Deutschland und Europa.“

Nach Ihrem Jurastudium sind Sie Rechtsanwalt geworden. Welche Erfahrungen in Ihrem Beruf werden Ihnen im Bundestag am hilfreichsten sein?

„Ich glaube, dass ich zwei Dinge gut miteinander verbinden kann. Ich habe die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge schnell aufzunehmen und sie dann meinen Mandanten verständlich darzustellen. Diese Fähigkeit, Menschen mit guten, rationalen Argumenten zu überzeugen, ist auch in der Politik sehr hilfreich. Dazu kommt, dass ich in meinem Beruf in den letzten fast 25 Jahren mit ganz unterschiedlichen Lebensbereichen konfrontiert worden bin. Dabei bekommt man vieles vom wirklichen Leben mit und diese Erfahrungen kann ich in den Bundestag einbringen. Ich habe die Seite der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer genauso beraten wie Vorstandsvorsitzende von multinationalen Großunternehmen: in Deutschland, aber natürlich auch in Tschechien, ganz Europa, den USA und Japan. Ich habe Ministerien beraten, aber eben auch ganz normale Menschen. Ich stehe mit beiden Beinen im wirklichen Leben.“

Welchen Hobbys gehen Sie nach, wenn Sie einmal von der Politik abschalten möchten?

„Ich wandere gerne, was mich auch zum Fichtelgebirgsverein gebracht hat, dessen stellvertretender Hauptvorsitzender ich bin. Mein Lieblingsberg ist die Platte im Fichtelgebirge mit ihrer grandiosen Aussicht. Ich fahre gerne Rad und Ski, am liebsten übrigens mit meiner Familie, und ich sammle historische Landkarten. Backen und Kochen zählen auch zu meinen Hobbys.“

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Nürnberger. Zum Schluss: Erzählen Sie uns etwas über sich, das nur die wenigsten wissen.

„Meine Frau habe ich weder in Deutschland noch in Tschechien kennengelernt, sondern an Gate A 16 am Flughafen Wien-Schwechat. Wir haben kurz sehr nett geplaudert. Allerdings wäre nichts weiter daraus geworden, wenn ich sie nicht noch einmal im Bus zum Flugzeug gesehen hätte und wenn ich ihr dort nicht meine Visitenkarte gegeben hätte. Sie hat sich dann tatsächlich bei mir gemeldet … und jetzt sind wir seit über 17 Jahren verheiratet und haben zwei wundervolle Kinder.“

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